Vereinsausflug ins Lehel - Heimat- und Brauchtumsverein Lechler München e.V.

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Vereinsausflug 2017                                                
 
Das Ausflugsziel war eine super Idee!
Heuer hat sich die Vorstandschaft gegen eine lange Busfahrt entschieden und wählte die Vereinsheimat als Ausflugsziel. Herr Johann Baier, der langjährige Vorsitzende des Vereins „Freunde Haidhausens e. V.“ führte uns annähernd drei Stunden lang durch das Lehel. Der Stadtteil im Herzen Münchens ist, nach dem Gasteig auf der rechten Isarseite, das erste Gebiet links der Isar außerhalb des zweiten Stadtmauerrings, das 1724 in den Burgfrieden der Residenzstadt München einbezogen, d. h. eingemeindet worden ist und damit unter die Gerichtsbarkeit von München kam.
Der Name „Lechl“, die sprachliche Verkleinerungsform von „Lohe“ bedeutet „Auwäldchen“, ein „kleines Wäldchen nahe am Wasser“, das tatsächlich im Lehel einmal existiert hat. Ein mehrere 100 m breiter Geländestreifen links der Isar von Thalkirchen über das Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel bis zum Viktualienmarkt und Tal, durch das Lehel bis zum Englischen Garten war bis weit ins 19. Jh. hinein Überschwemmungsgebiet der Isar. Noch im Jahre 1853, als die dritte Prachtstraße Münchens, die Maximilianstraße, angelegt wurde, waren der Viktualienmarkt und das „Tal“ bis zum Alten Rathaus und Petersbergl überflutet.
Die kurz vor 1800 begonnene Regulierung der Isar nördlich von Bogenhausen durch Dämme, die Begradigung des Flusslaufes und die Mitte des 20. Jh. erfolgte Anlage des Sylvensteinspeichers (Fertigstellung 1959) südlich von Bad Tölz, hatten eine Vertiefung des Flussbettes durch Erosion verursacht, z. B. unterhalb der beiden Maximiliansbrücken um ca. acht Meter! Dies hatte oft genug zur Unterspülung der Brückenfundamente und zum Einsturz von Brückenbauwerken geführt. Die erste Luitpoldbrücke, eine Eisenbrücke, war 1891 anlässlich des 70. Geburtstages von Prinzregent Luitpold der Residenzstadt zum Geschenk gemacht worden. Bei einem gewaltigen Hochwasser im September 1899 wurde die erst acht Jahre existierende Brücke schon wieder zerstört, weil dort die Isar durch Ufermauern auf der Altstadtseite bis auf 45 m verengt worden war. Die heutige Brücke überspannt mit nunmehr 60 m die Isar. Die eiserne Max-Joseph-Brücke in Bogenhausen hatte damals das gleiche Schicksal ereilt. Dieses doppelte Ereignis führte dazu, dass damals ein Brückenbauprogramm für 10 Jahre gestartet werden musste, das sehr erfolgreich war; denn die neuen Brücken haben bis heute den gele-gentlich gewaltigen Hochwassermassen von bis zu 1400 m³ pro Sekunde standgehalten.
Beim Spaziergang durch das Viertel nahm ich zum ersten Mal wahr, dass z. B. die Maximilianstraße höher liegt als die Umgebung. Sie war von Stadtbaurat Arnold von Zenetti als Dammstraße Mitte des 19. Jh. angelegt worden; sie musste sieben Stadtbäche überbrücken.
Heute quert nur noch ein einziger Stadtbach, der sog. „Fabrikbach“, die wittelsbachische Prachtstraße beim Max-II.-Denkmal, unterquert die Pfarrkirche St. Anna und dann das Anna-Gymnasium, das eine Turbine zur Stromerzeugung im Keller betreibt. Als Eisbach kommt dieser Stadtbach, der heute sein Wasser erst bei St. Lukas aus der Großen Isar bezieht, beim Haus der Kunst an die Oberfläche, wo die Surfer aus der ganzen Welt ihrem Hobby auf einer hohen Wasserwelle frönen. – Ursprünglich wurden Nebenarme der Isar zu Stadtbächen ausgebaut und u. a. als Energiespender für Mühlräder genutzt. Das einstige Überschwemmungsgebiet zwischen dem Auer Mühlbach im Osten und dem Pfisterbach unter der heutigen Sparkassenstraße entwickelte sich zum frühen, Jahrhunderte alten Gewerbe- und Industriegebiet Münchens. Mit dem U- und S-Bahn-Bau anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1972 wurden in den 1960er-Jahren die Stadtbäche vor allem der Altstadt mit ganz wenigen Ausnahmen stillgelegt. – Am Isartor wurden wir auf die Reste der zweiten, äußeren (dopperlten) Stadtmauer aus dem 14. und 15. Jh. sowie einer Bastion des 17. Jh. aufmerksam gemacht. Die Fundamente der Stadtmauern waren dort freigelegt worden und sind zum Teil in ein Geschäftshaus am Thomas-Wimmer-Ring 1 als Raumteiler integriert worden. Wir lernten, dass die erste Isarbrücke Heinrichs des Löwen etwa an der Stelle der heutigen Ludwigsbrücke unter Einbeziehung einer Schotterinsel gebaut worden war. An der „Zwei-Brücken-Straße“ lag der Schnittpunkt zweier wichtiger Handelsstraßen, der von Ost nach West führenden Salzstraße (seit 1158) und der süd-nord-gerichteten Wasserstraße Isar, die fast zur Gänze von Scharnitz bis zur Mündung mit Flößen befahren werden konnte. Jahrhunderte hindurch wurden Holz und viele andere Handelsgüter nach München und weiter bis Passau, Wien oder Budapest trans-portiert. 30 Tonnen konnte ein voll beladenes Floß wiegen. Im Spitzenjahr 1864 legten 11.145 Flöße an der Oberen Lände im Glockenbachviertel und an der Unteren Lände oberhalb und unterhalb der Ludwigsbrücke an. 1886 wurde die „Untere Lände“, wohl die größte Floßlände Europas, an der damaligen „Floßstraße“ (vorübergehend Quaistraße genannt, aber die Bezeichnung wurde von den Münchnern abgelehnt, heute heißt sie Steinsdorfstraße) stillgelegt. 1887/88 entstand hier anlässlich einer Kunstgewerbe-Ausstellung vorübergehend ein langgestrecktes Holzgebäude. Das gesamte Bauwerk mit dem 45 m hohen Holzturm ermutigte Münchner Architekten dazu, die Uferzonen der Isar zu bebauen und damit die inzwischen vollständig regulierte Isar in das Stadtbild Münchens zu integrieren. Es entstanden etwas abseits die katholische Pfarrkirche St.-Anna-Kirche (1892) von Gabriel v. Seidl, die evangelische Lukaskirche (Weihe 1896) von Albert Schmidt direkt an der Großen Isar, prächtige mehrstöckige Wohnhäuser mit Kuppelturm und Erker für das gehobene Bürgertum an der Steinsdorfstraße (1891 – 1895) und an der Widenmayerstraße (1898 – 1912). Gegenüber am Gasteig jenseits der Isar wurde das Müller-sche Volksbad (1901) von Carl Hocheder eröffnet; auf der Kohleninsel fand die Grundsteinlegung zum Deutschen Museum in Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. statt (1906). Der erste Bau von Gabriel v. Seidl wurde 1925 eröffnet.
Das Lehel hat sich nach der Aufhebung der Unteren Floßlände ab 1890 von einem Gewerbe- und Industriegebiet zu einem exklusiven Wohngebiet gewandelt. Die Mietshäuser mit ihrem historisierenden, oft sehr reich ausgestatteten Fassadenschmuck sind ein äußeres Zeichen für das gehobene Bürgertum, das sich hier niedergelassen hatte. In die Stilmixtur aus Neurenaissance und Neubarock hinein etablierte sich auch der Jugendstil. – Das Viertel überstand den 2. Weltkrieg besser als die Altstadt. Der langgestreckte Bau der Regierung von Oberbayern in der Maximilianstraße ist uns allerdings nur zur Schauseite hin erhalten geblieben. Das langgestreckte Bauwerk Friedrich Bürkleins musste aufwändig renoviert werden. Ebenso verhielt es sich mit der sehr schwer getroffene Klosterkirche (1727 – 1733) von Johann Michael Fischer am St. Anna-Platz, die durch eine einfühlsame Wiederherstellung in den frühen Nachkriegsjahren die Großartigkeit des frühen Rokoko wieder erahnen lässt.

Zum Abschluss dieses gelungenen Heimatkunde-Unterrichts entspannten wir 30 Erwachsene und sechs Kinder am Kirchweihsonntag bei Ente & Co. im Tattenbach, einer wunderschönen bayerischen Wirtschaft mit hervorragender Küche.
 
 
Grundlage von Frau Lissy Wuttke, durchgesehen und ein wenig ergänzt von J. Baier   
 

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